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Visuelle Wahrnehmung und visuelle Wahrnehmungsstörungen im Kindesalter

Zur visuellen Wahrnehmung zählen alle (Teil-) Leistungen, die es uns ermöglichen, optische Reize zu entdecken, zu unterscheiden und zu erkennen. Hierzu zählen u.a. die Sehschärfe, das Gesichtsfeld, das Kontrastsehen und das Farbsehen und die Raumwahrnehmung sowie komplexere Fähigkeiten, wie das Kategorisieren, (Wieder-)Erkennen und Interpretieren von Gesichtern, Formen, Buchstaben, Zahlen, Szenen, Wegen und Gegenden und Mimik.

menschliches Gehirn

Eine zerebral verursachte visuelle Wahrnehmungsstörung (kurz CVI, aus dem Englischen von Cerebral Visual Impairment) bedeutet daher eine Beeinträchtigung des Sehens, die durch eine unvollständige oder fehlerhafte Verarbeitung visueller Eindrücke im Gehirn entsteht. Neben den Begriffen visuelle Wahrnehmungsstörung und Cerebral Visual Impairment (CVI) haben sich auch die Begriffe „Visuelle Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung“ (VVWS), „Zentrale visuelle Wahrnehmungsstörung“ (ZVWS), „Neurological Visual Impairment“ (NVL) und „Cortical Visual Impairment“ (CVI) als Synonyme hierfür etabliert.

CVI ist immer eine Sehbeeinträchtigung, die nicht (oder nicht ausreichend) durch Funktionsstörungen in den vorderen Augenabschnitten erklärt werden kann. Beobachten Eltern, Lehrer oder Erzieher bei einem Kind im Alltag Sehschwierigkeiten, wird zunächst eine augenärztliche und orthoptische Untersuchung angestrebt. Kann diese die beobachteten Sehprobleme nicht vollständig erklären, besteht der Verdacht auf eine visuelle Wahrnehmungsstörung (CVI).

Visuelle Wahrnehmungsstörungen bei Kindern können alle o.g. visuellen Wahrnehmungs-leistungen isoliert oder in Kombination betreffen. Zusätzlich finden sich oft auch Auffälligkeiten in den vorderen Augenabschnitten. Kinder mit CVI können außerdem auch kognitive Schwierigkeiten (z.B. verminderte Konzentrationsfähigkeit) aufweisen. Beide Störungsbilder können die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit zusätzlich beeinträchtigen bzw. besteh ende visuelle Wahrnehmungsprobleme verstärken.

Ursachen von CVI können Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt sein, aber auch genetische Grunderkrankungen und frühkindliche Hirnschädigungen nach der Geburt.

Typische Symptome von CVI bei Kindern sind:

  • Unzureichender visueller Überblick

  • Übersehen von Gegenständen (z.B. Möbel in der Wohnung, Hindernisse und Unebenheiten auf dem Weg) und damit verbunden gehäuftes Anstoßen, Stolpern und Stürzen

  • Schwierigkeiten in der Raumwahrnehmung (Danebengreifen, ungenaues Einschätzen von Stufen; Schwierigkeiten beim Abzeichnen)

  • Schwierigkeiten im Lesen (z.B. ganzheitliches Worterfassen) und Schreiben

  • Schwierigkeiten im Unterscheiden bzw. Erkennen von Formen, Objekten, Gesichtern, Szenen, Buchstaben und Zahlen

  • Schwierigkeiten im Unterscheiden und Erkennen von Mimik (Gesichtsausdruck) und Gestik

  • Mit CVI verbundene Schwierigkeiten können sich auch in Form von Verhaltensauffälligkeiten zeigen:

  • Reduzierte Aufmerksamkeitsspanne in der visuellen Modalität

  • Verminderte Lernfähigkeit in der visuellen Modalität (Gehörtes wird deutlich besser eingeprägt)

  • Vermeidungsverhalten oder rasche Ermüdbarkeit in Situationen mit hoher visueller Komplexität

  • Autismusartige Verhaltensweisen (beispielsweise der Rückzug oder die Vermeidung anderer Kinder beim Spielen, um die visuelle Informationsflut zu reduzieren)

Diese Verhaltensauffälligkeiten beschränken sich jedoch auf Situationen mit einer hohen Beanspruchung der visuellen Wahrnehmung; in einer ruhigen, reizarmen visuellen Umgebung treten diese Verhaltensweisen gar nicht oder deutlich schwächer auf.

Die diagnostische Erfassung von visuellen Störungen bei Kindern mit CVI und ihre Behandlung stellen eine besondere Herausforderung an die interdisziplinäre Diagnostik dar. Die Untersuchung der Sehschärfe, Gesichtsfeld, Farbsehen, Tiefenwahrnehmung sowie der okulomotorischen Funktionen (Vergenz, Fusion, Akkommodation, Binokularsehen; Fixation, Sakkaden und Folgebewegungen) fallen in das Fachgebiet der Augenheilkunde und der Orthoptik. Die Untersuchung von Leistungen der visuellen Wahrnehmung (Raumwahrnehmung und Raumorientierung, visuelles Erkennens von Gegenständen, Gesichtern, Orten und Wegen sowie Lesen) fällt in das Aufgabengebiet der Neuropsychologie. Die Komplexität der unter CVI zusammengefassten visuellen Störungsbilder erfordert jedoch in jedem Fall eine fachübergreifende diagnostische und therapeutische Vorgehensweise, die auf das individuelle positive und negative visuelle Leistungsbild eines Kindes abgestimmt ist.

Literaturempfehlungen für Eltern und Interessierte

  • Bals, I. (2009). Zerebrale Sehstörung: Begleitung von Kindern mit zerebraler Sehstörung in Kindergarten und Schule. Würzburg: Edition Bentheim

  • Zihl, J., Mendius, K., Schuett, S. & Priglinger, S. (2012). Sehstörungen bei Kindern. Wien: Springer.

  • Zihl, J. & Dutton, G. N. (2015). Cerebral Visual Impairment in Children. Wien: Springer.

  • Unterberger, L. (2016). Kindliche zerebrale Sehstörungen (CVI). München: Utz